Wie gut kodiert KI? ICD-10-GM und OPS zwischen einfachem Fall und Kodierrichtlinie
Kodiervorschläge für die Abrechnung sind in der Regel kein Medizinprodukt, weil sie keinem medizinischen Zweck dienen. Genau sind sie damit noch nicht: In Studien trafen Sprachmodelle den exakten Kode oft in weniger als der Hälfte der Fälle. Einfache Fälle gelingen gut, schwierig sind die Kodierrichtlinien bei komplexen Fällen. Sinnvoll ist KI heute als Hilfe der Kodierfachkraft: Vollständigkeit prüfen, Regeln nachschlagen, Vorschläge mit Beleg, die ein Mensch bestätigt.
Ist KI-Kodierung ein Medizinprodukt?
In der Regel nicht. Ob Software ein Medizinprodukt ist, hängt von ihrer Zweckbestimmung ab. Die europäische Leitlinie MDCG 2019-11 nennt Funktionen für Rechnungsstellung und Erstattung ausdrücklich als nicht medizinisch. Kodierung für die Abrechnung nach § 301 SGB V dient der Abrechnung und der Dokumentation, nicht der Diagnose oder Behandlung eines Patienten.
Die Grenze verläuft dort, wo Software einen medizinischen Zweck bekommt: Schlägt dieselbe Anwendung eine Diagnose oder Therapie für einen einzelnen Patienten vor, gilt nach derselben Leitlinie etwas anderes. Wer unsicher ist, kann den rechtlichen Status beim BfArM feststellen lassen. Mehr dazu in Ist KI ein Medizinprodukt?
Kein Medizinprodukt heißt aber nicht: unkritisch. Für falsche Kodes haftet das Krankenhaus, und der Medizinische Dienst prüft.
Wie genau kodieren Sprachmodelle?
Die Studienlage ist eindeutig: Ohne Hilfe treffen Sprachmodelle den exakten Kode oft nicht.
| Studie | Aufgabe | Ergebnis |
|---|---|---|
| Soroush et al., NEJM AI 2024 | Kode aus der Beschreibung nennen, über 27.000 US-Kodes | bestes Modell: ICD-10-CM 33,9 % exakt, alle Modelle unter 50 %, teils erfundene Kodes |
| Lenz et al., GMDS 2025 (Mainz) | ICD-10-GM für 2.024 Tumordiagnosen | kleine offene Modelle von 1 bis 6 % auf 41 bis 45 % exakt, nach Nachtraining mit den Katalogen; laut Autoren noch nicht reif für den klinischen Einsatz |
| Lehmann et al., 2025 (Leipzig) | OPS aus 100 OP-Berichten der Neurochirurgie; Modell bekam den OPS-Katalog mit der Anfrage | Kodierfachkräfte 94 % optimal, ein eigens eingerichtetes GPT von OpenAI 83 % (7 % erfundene Kodes), Chirurgen 69 %, dasselbe Modell ohne Einrichtung darunter (15 % erfundene Kodes) |
Daraus folgt nicht, dass KI beim Kodieren nutzlos ist. Es folgt, dass ein Sprachmodell nicht allein kodieren sollte. Die besten Ergebnisse entstehen, wenn das Modell die Kataloge und Regeln des laufenden Jahres nachschlägt, seinen Vorschlag mit der Textstelle belegt und eine Fachkraft entscheidet.
Was ist einfach, was ist schwer?
Einfach sind Fälle mit einer klaren Hauptdiagnose und wenigen Prozeduren, etwa eine unauffällige Geburt oder ein elektiver Eingriff ohne Komplikationen. Hier passen Diagnose, Katalog und Regel meist eindeutig zusammen.
Schwer sind die Fälle, um die es beim Erlös geht:
- Hauptdiagnose nach Kodierrichtlinie: Welche Diagnose hat den Aufenthalt veranlasst, wenn mehrere in Frage kommen? Die Deutschen Kodierrichtlinien geben Regeln vor, die medizinisches Verständnis des Verlaufs voraussetzen.
- Nebendiagnosen mit Aufwand: Eine Nebendiagnose zählt nur, wenn sie Aufwand verursacht hat. Das steht selten in einem Satz, sondern verteilt über Pflege, Labor und Verlauf.
- Komplexe Prozeduren und Kombinationen: Komplexbehandlungen, Zusatzentgelte und Mindestmerkmale im OPS haben Bedingungen, die über die ganze Akte geprüft werden.
- Wechselnde Fassungen: Der OPS ändert sich jährlich, die Kodierrichtlinien ebenso. Ein Modell kennt nur den Stand seines Trainings.
Hier liegt das Spezialwissen der Kodierfachkräfte, und hier sind Fehler teuer: Liegt der Anteil unbeanstandeter Rechnungen eines Hauses unter 60 Prozent, kommt zur Rückzahlung ein Aufschlag je Fall hinzu (§ 275c SGB V).
Was braucht eine KI zum Kodieren?
| Baustein | Woher | Wie es hineinkommt |
|---|---|---|
| ICD-10-GM und OPS | BfArM, jährlich (ICD-10-GM seit 2026 im Drei-Jahres-Rhythmus überarbeitet) | kostenlos als Datei (ClaML, TXT) oder über den Terminologieserver als FHIR-Paket |
| Deutsche Kodierrichtlinien | InEK, jährlich | als Dokument, Antworten mit Textstelle |
| Fallpauschalen-Katalog, Zusatzentgelte | InEK, jährlich | als Dokument; die DRG selbst ermittelt eine zertifizierte Grouper-Software |
| Hausregeln und Kodierhinweise | Medizincontrolling | als Dokument |
| Falldokumentation | KIS | Arztbrief hochladen oder Anbindung an das KIS |
Ein eigenes medizinisches Sprachmodell ist dafür nicht zwingend. Modelle wie medBERT.de kennen die deutsche Fachsprache, sind aber Klassifikationsmodelle, die keinen Text schreiben und keine Regeln erklären. Ein großes Sprachmodell mit den hinterlegten Katalogen und Regeln kann beides: Fachsprache verstehen und mit Beleg antworten. Nachtrainierte Modelle sind ein Forschungsthema; die Ergebnisse aus Mainz zeigen Fortschritte, aber noch keine Genauigkeit für den Alltag.
Wie setzen Krankenhäuser KI beim Kodieren sinnvoll ein?
- Vollständigkeit prüfen statt neu kodieren: Die KI sucht dokumentierte, aber nicht kodierte Nebendiagnosen und mögliche Zusatzentgelte. Die Kodierfachkraft entscheidet.
- Regeln nachschlagen: Fragen zu Kodierrichtlinien, Katalogen und Hausregeln beantwortet die KI mit der Textstelle.
- Vorschläge für einfache Fälle: Mit Beleg aus dem Arztbrief, bestätigt von einer Fachkraft.
- Messen: Wie oft stimmt der Vorschlag, wie oft fällt etwas Fehlendes auf, wie viel Zeit spart die Prüfung? Erst danach den Einsatz ausweiten.
- Nie ohne Mensch: Kein Kode geht ohne Bestätigung in die Rechnung.
Mehr zum Alltag im Medizincontrolling: KI für Medizincontrolling und DRG-Kodierung.
Wie ist das bei basebox?
basebox unterstützt Kodierfachkräfte und Medizincontrolling, es kodiert nicht selbstständig. In einer App hinterlegen Sie Kataloge, Kodierrichtlinien und Hausregeln in der geltenden Fassung. basebox prüft Arztbriefe und OP-Berichte auf dokumentierte, aber nicht kodierte Diagnosen, schlägt Kodes mit der Textstelle als Beleg vor und beantwortet Fragen zu den Regeln mit Quelle. Die Entscheidung über jeden Kode trifft Ihr Team. basebox ist kein Medizinprodukt und stellt keine Diagnosen.
Die DRG ermittelt weiterhin Ihre zertifizierte Grouper-Software. Für Prüfungen über die ganze Akte binden wir das KIS an, sobald der Hersteller den Zugang bereitstellt.
Keine Rechtsberatung: Ob eine Software ein Medizinprodukt ist, hängt von ihrer Zweckbestimmung ab; im Zweifel entscheidet das BfArM. Die Studienergebnisse geben den Stand der genannten Veröffentlichungen wieder (15. Oktober 2026).
Häufige Fragen
Ist KI-Kodierung ein Medizinprodukt?
In der Regel nicht. Die Leitlinie MDCG 2019-11 stuft Software für Abrechnung und Erstattung als nicht medizinisch ein. Maßgeblich ist die Zweckbestimmung: Gibt dieselbe Software Hinweise zu Diagnose oder Behandlung eines Patienten, kann sie ein Medizinprodukt sein. Im Zweifel entscheidet das BfArM auf Antrag über den Status.
Braucht man ein eigenes medizinisches Sprachmodell?
Nicht unbedingt. Modelle wie medBERT.de kennen medizinische Fachsprache, sind aber Klassifikationsmodelle und schreiben keine Antworten. Wichtiger sind die Kataloge und Regeln des laufenden Jahres: ICD-10-GM und OPS vom BfArM, die Deutschen Kodierrichtlinien vom InEK, dazu die Hausregeln, jeweils mit Quelle hinterlegt.
Lassen sich ICD-10-GM und OPS über eine Schnittstelle abrufen?
Ja. Das BfArM stellt beide kostenlos als Dateien bereit, etwa im Format ClaML, und über den Zentralen Terminologieserver als FHIR-Pakete zum automatisierten Abruf. Die Deutschen Kodierrichtlinien veröffentlicht das InEK jährlich als Dokument.
Wer haftet für falsche Kodes?
Das Krankenhaus. Es übermittelt Diagnosen und Prozeduren nach § 301 SGB V, der Medizinische Dienst prüft die Rechnungen nach § 275c SGB V. Ein Vorschlag der KI ändert daran nichts; deshalb bestätigt eine Fachkraft jeden Kode.
Quellen
- MDCG 2019-11 rev. 1: Qualifizierung und Klassifizierung von Software (Europäische Kommission) ↗
- BfArM: Feststellung des rechtlichen Status und Klassifizierung ↗
- § 301 SGB V: Krankenhäuser, Datenübermittlung an die Krankenkassen ↗
- § 275c SGB V: Prüfung von Krankenhausabrechnungen ↗
- BfArM: Versionen und Formate der Klassifikationen (ClaML, TXT) ↗
- BfArM und gematik: Zentraler Terminologieserver ↗
- InEK: Deutsche Kodierrichtlinien 2026 ↗
- InEK: Zertifizierung von Grouper-Software ↗
- medBERT.de: deutsches medizinisches Sprachmodell (Hugging Face) ↗
- ScienceDaily: Large language models are poor medical coders (Soroush et al., NEJM AI 2024) ↗
- Lenz et al.: Nachtrainierte Sprachmodelle für ICD-10-GM, ICD-O-3 und OPS (GMDS 2025) ↗
- Lehmann et al.: OPS-Kodierung von OP-Berichten durch Kodierfachkräfte, Chirurgen und GPT (Acta Neurochirurgica 2025) ↗
Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI erstellt, auf Grundlage der genannten Quellen. Verantwortlich für den Inhalt: basebox GmbH. Keine Rechtsberatung, keine Haftung. Stand der Recherche: 15. Oktober 2026.